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Kreativ gegen Zuviel!

Allegorie der Temperantia / © Zentralinstitut für Kunstgeschichte , Photothek

Ein Bildungsangebot für Jugendliche, Schülerinnen und Schüler zum kritischen Umgang mit dem Genussmittel Alkohol

Bier, Wein, Schnaps, alkoholische Getränke aus der Flasche, in der Dose, gemixt, eisgekühlt, unterwegs, beim Feiern, in geselliger Runde, beim Essen, Chillen oder Fußball, auf Ausflügen, als Durstloscher, zur Entspannung, bei Problemen oder Hemmungen, manchmal in viel zu großen Mengen,.... (k)ein Thema für ein pädagogisches Rahmenprogramm zu einem Museumsnetzwerk, das den Blick in diesem Jahr auf die Geschichte des Altbiers und seine Bedeutung als kulturelles Identifikationsmerkmal des Niederrheins richtet(?)!

Zugegeben, kein einfaches Thema, nicht frei von Ambivalenzen, zu viele Fallstricke, eine Gratwanderung - man möchte ja den Alkoholkonsum von Jugendlichen nicht noch forcieren, der sich nicht nur in Medienberichten als Problem unserer Gesellschaft darstellt: Bingedrinking, Komasaufen, Kampftrinken, Vorglühen, Flatrate-Partys ... Generation Alkohol? Diese unter Jugendlichen beliebten Trinkformen beunruhigen und sorgen für Schlagzeilen, nicht nur zur Karnevalszeit. Berichte aus den Notfallambulanzen der Krankenhäuser unterstreichen die Brisanz des Themas.

Fakt ist, dass der Konsum von Alkohol in unserer Gesellschaft selbstverständlich und fester Bestandteil unserer Kultur ist. „Wie sehr Alkohol unsere Gesellschaft durchtränkt, zeigt allein die Tatsache, dass -was trinken gehen- im heutigen Sprachgebrauch automatisch Alkohol trinken bedeutet“, bringt die Journalistin Kathrin Eckardt es auf den Punkt. Wobei zu beobachten ist, dass der reine Alkoholkonsum pro Einwohner seit 1990 rückläufig ist. Lag der Verbrauch an reinem Alkohol 1950 noch bei 3 L pro Kopf, stieg er 1990 auf 12 L und ist 2010 mit 9,6 L leicht rückläufig und dennoch um etliches höher als die Grenzwerte, die die WHO für risikoarmen Konsum angibt. Vor allem unter den 12-17jährigen Jugendlichen wird Alkohol oft ohne große Bedenken in großen Mengen konsumiert. Die Drogenaffinitätsstudie von 2011 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, Köln 2012) vermeldet trotz alarmierender Zahlen aber auch Positives. So ist gerade bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren der Alkoholkonsum in den letzten Jahren rückläufig. Auch der regelmäßige Alkoholkonsum und das Rauschtrinken sind 2011 nicht mehr so verbreitet wie noch 2004. Und mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in dieser Altersstufe konsumieren nie Alkohol. Also ein Grund mehr, sich des Themas künstlerisch-ästhetisch und kritisch-präventiv anzunehmen und auch „diese Altersgruppe zu stärken in ihrer Haltung, (noch) keinen oder wenig Alkohol zu konsumieren“ und so zur Festigung der positiven Entwicklung beizutragen. („fit ohne Sprit“, Schulische Suchtprävention‘ KOSSS’, Kiel und Sucht-Präventions-Zentrum ‘SPZ’, Hamburg)

Im Gegensatz zur Generation der Eltern und Großeltern, die sich noch weitgehend unbedarft dem Konsum von Genuss-und Rauschmitteln hingaben, ist das schlechte Gewissen heute ein steter Begleiter von Genussmitteln. Und so titelt das Jugendmagazin NEON ganz aktuell in der Ausgabe vom April 2013 „die unerträgliche Leichtigkeit des Weins“. Ann-Kathrin Eckardt begab sich auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Trinken wir zu viel?“ Doch so einfach die Frage erscheint, so komplex sind die Antworten darauf. Medizinisch betrachtet und gemessen daran was Alkohol dem Körper antut, votiert die Autorin zu einem ganzen klaren: Ja! Aus psychologischer Sicht muss die Frage ihrer Meinung nach dem Zuviel „ziemlich sicher mit Ja“ beantwortet werden, wenn mehr als zwei der vier Fragen des CAGE-Tests zutreffend sind und damit eine Alkoholsucht als wahrscheinlich anzunehmen ist. Allerdings gemessen an dem, was unsere Vorfahren so „becherten“, entscheidet sich die Autorin für ein „ziemlich sicher nicht“ und beruhigt auf gewisse Weise damit das schlechte Gewissen, das sich einstellt, wenn man nach einer durchzechten Nacht so ganz und gar nichts schafft am nächsten Tag. „Denn der Genuss hat keinen tieferen Sinn. Er passt nicht in unser zeit- und leistungsoptimiertes Leben.“ Angesichts der historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung des Bier- und Weintrinkens in der Geschichte der Menschheit scheint „Nüchternheit“ beinahe schon „eine Erfindung der Moderne zu sein“. Und philosophisch betrachtet könne sogar der Schluss gezogen werden, eine Gesellschaft trinke fast schon zu wenig, wenn sie die lustvollen, aber ungesunden Dinge des Lebens immer mehr aus dem öffentlichen Leben verbannt, verabscheut und reglementiert, und dabei verkennt, dass Probleme sich nicht „ideologisch präformieren“ (Robert Pfaller) lassen und unter dem Wechsel der „Beleuchtung“ auch ganz anders wahrgenommen werden können. Aus dem Für und Wider der differenzierten Betrachtungsweise ist für Ann-Kathrin Eckardt die Antwort auf die Frage, „wie viel Alkohol noch okay ist und wie man gesund lebt, ohne den Spaß zu verlieren“, nicht Ja und nicht Nein, „vielleicht Jein - die ehrlichste wohl: Das Maßhalten beim Trinken“ das „man nur durch die Praxis“ lernt. „Auch wenn das zwangsläufig ein paar Kater kostet“.

Dass das ‘richtige Maß halten’, die Mäßigkeit oder lateinisch die Temperantia - eine der vier platonischen Kardinaltugenden - finden gar nicht so einfach ist, das zeigt sich in unserer modernen Gesellschaft nicht nur im viel beklagten exzessiven Alkoholkonsum unter Jugendlichen. Sicherlich, der Mensch lernt durch Erfahrungen. Der Mensch lernt aber auch durch Erkenntnis und Einsicht, auch ohne schmerzliche Erfahrungen eines Vollrausches zum Beispiel. Und wie ließe sich die Welt und sich selber besser verstehen als durch eine ästhetische Erfahrung. Die Kunst mit Bildung zu verbinden ist nicht neu. Seit Schillers Briefe „über die ästhetische Erziehung der Kunst“ ist man immer wieder darum bemüht, der Kunst, ihrer Produktion und ihrer Rezeption, den Platz in der Gesellschaft einzuräumen, der ihr gebührt und sie auf den „Königsthron der Gesellschaft“ zu stellen. Eine bildende Kunst, die es im Schillerschen Sinn schafft, „dass der Himmel über mir und das flüchtige Leben in mir“ sich berühren. oder wie Hanno Rauschenberg es formulierte, die „aus dem Gewöhnlichen hinauf führt ins Ungewohnte“. „Sich an der Kunst zu bilden heißt also nicht, möglichst viele Werke und Künstler und Stile und Kunstgeschichten zu kennen. ... im Kern heiß Kunstbildung etwas anderes. Es heißt, eine ästhetische Erfahrung zu wagen. Sich auf etwas einlassen, das nicht in Wörtern zu uns spricht und sich den Begriffen entzieht.“

Die Kunst als Quelle von Bildung also, die ihre gesellschaftliche Relevanz nicht so sehr in der Erziehung zu besseren Menschen bergründet sieht, sondern es sich zur Aufgabe macht, durch eine ästhetische Erfahrung unserem Denken und Fühlen Anstöße zu geben und die Möglichkeit zur Selbstreflexion und damit zur individuellen Verortung in der Welt in sich trägt.

Bildende Kunst also ein tauglicher Ansatz auch für ein ästhetisches Bildungsprojekt mit Jugendlichen für einen kritischen und reflektierten Umgang mit dem Genussmittel und der Droge Alkohol?! Vier Einrichtungen stellen sich der Herausforderung und möchten Jugendliche, Schülerinnen und Schüler dazu motivieren, sich ein Bild zu machen, um im Bilde zu sein.

Dabei geht es nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger eine Richtung zu diktieren. Es geht nicht unbedingt um Abstinenz, sondern um einen mündigen Umgang mit Alkohol. Die Jugendlichen sollen selbst aktiv ihren Umgang mit Alkohol reflektieren, Stellung beziehen und ihrer Einstellung dazu Ausdruck verleihen. Lebenskompetenzen erwerben, die Persönlichkeit stärken und einen reflektierten Umgang mit einem potentiellen Suchtmittel fördern, Alternativen erkennen - das sind die Ziele. Ästhetische Bildung bietet hierbei optimale Möglichkeiten für eine umfassende sinnliche, kreative und partizipative Auseinandersetzung mit dem Thema „(Bier)-Trinken“.

Gabriele Grimm-Piecha