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Literaturprogramm Horizonte "unterwegs"

Zeitgenössische Literatur ist „unterwegs“

Gemeinsam mit den kulturhistorischen Museen am Niederrhein ist auch die Literatur- und Lesereihe „HORIZONTE “ in diesem Jahr „unterwegs“. Rund zwei Dutzend Lesungen und Literaturveranstaltungen von Kleve bis Korschenbroich werden das Themenjahr des Museumsnetzwerks und die verschiedenen Ausstellungen flankierend begleiten. Über die Grenzen der (Literatur-)Region und ihrer Geschichte hinaus richtet das Programm seinen Fokus dabei auf die unterschiedlichen Facetten, mit denen zeitgenössische Literatur das Thema des UNTE RWEGS sein und Fragen von freiwilliger oder erzwungener Mobilität, von Migration und Heimatsuche reflektiert. Vor dem Hintergrund aktueller Flüchtlingsfragen, globaler Mobilisierung und individueller Heimat- und Sinnsuche eröffnet die literarische Veranstaltungsreihe damit einen komplexen Deutungszusammenhang, in dessen Gegenwärtigkeit sich die kulturhistorischen Ausstellungen vielfältig einbetten lassen.

Aufbrechen. Weggehen. Unterwegssein. Ankommen.

Angestammte Gefilde zu verlassen und ins Unbekannte und Ungewisse aufzubrechen, gehört zu den menschlichen Ur-Erfahrungen. Ob freiwillig oder unfreiwillig, real oder in der Fantasie: Für die Literatur ist das Unterwegssein mit allen Facetten von Veränderung und Grenzüberschreitung, von Verlust vertrauter Lebenszusammenhänge und Begegnung mit neuen, fremden (Erfahrungs-)Welten ein Kernthema. Zeitgenössische Autorinnen und Autoren sind angesichts der aktuellen Welt- und Gesellschaftslage vielfältig „unterwegs“: In ihren Büchern erzählen sie von Aufbruch und Flucht, von Heimat- und Sinnsuche, von Bewegung und Stillstand; sie richten den Blick auf Sehnsuchtsorte, überwinden Grenzen und begleiten Menschen, die sich auf den Weg machen, um (zu) sich selbst zu finden.

Auf einer Metaebene lädt Literatur selbst darüber hinaus zu einer Form der Welt- und Selbsterfahrung ein, die sich aus dem lesenden UNTE RWEGS sein speist und die Begegnung mit fremdem, unvertrautem Leben sucht, um darin das eigene zu spiegeln und zu hinterfragen. Auch insofern ergänzen die HO RIZONTE -Literaturangebote die Ausstellungsschwerpunkte der beteiligten kulturhistorischen Museen: Was in den einzelnen Ausstellungen als Spurensuche in der regionalen Geschichte thematisiert wird, holt das Literaturprogramm in den Horizont zeitgenössischer Erfahrungs- und Deutungszusammenhänge hinein.

Klassische Lesungen und Literatur-plus-Inszenierungen

Mit einer „Wanderung durch die Weltgeschichte“ wird das HO RIZONTE -Programm 2017 eröffnet. Dazu lädt Manuel Andrack ein, der – parallel zur Eröffnung des Ausstellungsjahres – am 5. März ins Freilichtmuseum Grefrath kommt und dabei sein Buch „Schritt für Schritt“ im Gepäck hat. Indem er durch das Neandertal streift, wie Martin Luther gen Rom aufbricht und bei der Erkundung der „Schwedenlöcher“ die Sächsische Schweiz durchquert, beleuchtet er Wendepunkte der Weltgeschichte und zugleich die Bedeutung des Wanderns: Eigene Erfahrung hat ihn gelehrt, dass Wandern nicht nur den Kreislauf, sondern durchaus auch das Denken beflügeln kann. Bis zum Jahresende folgen dann zwei Dutzend weitere Literatur-Veranstaltungen – von Kleve bis Korschenbroich, an etablierten und ungewöhnlichen Leseorten, mit Autorinnen und Autoren ebenso wie mit Sprechern und Schauspielerinnen, im klassischen Lesungsformat, aber auch in inszenierter Form, z.B. mit musikalischer oder kulinarischer Begleitung. Ziel dabei ist es, Wege zur Literatur, in die Region und zugleich aufschlussreiche Zugänge zum Themenschwerpunkt „unterwegs“ des Ausstellungsjahres zu bieten.

Wie es sich anfühlt, einen höchst erfolgreichen Karrierejob an den Nagel zu hängen und mitsamt Familie eine zweijährige Auszeit lang auf Reisen unterwegs zu sein, erzählt Wolf Küper (Moers, Korschenbroich). Wie man lebt mit der ständigen Sorge um den abwesenden, auf fernen Weltmeeren navigierenden Ehemann, der kein geringerer als der Abenteurer und Seefahrer James Cook ist, hat die niederländische Autorin Anna Enquist in ihrem fulminanten, aus dem Blickwinkel von Elizabeth Cook erzählten Roman beschrieben: Die Schauspielerin Katja Stockhausen und der (Welt-)Musiker Tim Isfort laden in einer szenischen Lesung in Moers zu einer spannenden Begegnung mit Elizabeth Cook ein.

Alessandro Bariccos Roman um den französischen Seidenhändler Hervé Joncour, der Mitte des 19. Jahrhunderts der Spur der Seidenraupen ins ferne Japan folgt und sich dort unsterblich verliebt, gibt der Schauspieler Adrian Linke (Mönchengladbach, Krefeld) seine Stimme. Von der Reformation, diesem gewaltigen ideologischen Aufbruch in neue Glaubenswelten, erzählt der Luther-Roman von Tilman Röhrig (Moers, Dinslaken). Um die trügerische Hoffnung vieler Menschen im 19. Jahrhundert auf eine große Zukunft in der „Neuen Welt“ geht es in der Lesung aus Gerd Fuchs‘ Roman „Die Auswanderer“ in Wegberg, um den Garten Eden als Sehnsuchtsort in einem literarisch-musikalischen Programm in Kloster Kamp.

Einen großen Niederrheiner gilt es ebenfalls im Konzert der „unterwegs“-Lesungen zu würdigen: Albert Vigoleis Thelen, in Viersen geboren, aber mehr als 50 Jahre seines Lebens (un-)freiwllig im Exil in vielen Ländern jenseits deutscher Grenzen. Zwei Veranstaltungen (Viersen, Krefeld) mit Michael Grosse, dem Generalintendanten der Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, würdigen Leben und Werk dieses großen deutschen Schriftstellers.

Von den Deutschen, die es in den frühen Nachkriegsjahren – auf der Suche nach „la dolce vita“ – nach Italien zog, und von den Italienern, die in der Hoffnung auf gut bezahlte Arbeit nach Deutschland (auch ins Rheinland) kamen, erzählt der Regisseur und Buchautor Daniel Speck in seinem Erfolgsroman „Bella Germania“ (Moers, Korschenbroich). Von Europa als grandiosem Modell kultureller Vielfalt in einer auf Zukunft angelegten Einheit schwärmt schließlich das Duo SAGO in seinem „Unterwegs in Europa“-Programm (Neukirchen-Vluyn).

Mobilität unter weiblichen Vorzeichen hat zu allen Zeiten eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Darum geht es in einer Veranstaltung zum Thema „Windsbräute“ und in einem Exkursionsangebot, das bedeutenden, aber weitgehend vergessenen Schriftstellerinnen niederrheinischer Provenienz gewidmet ist.