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Protestantische Enklaven

Louisendorf ist auch unter architektonischen Gesichtspunkten außergewöhnlich. / (c) Gemeinde Bedburg-Hau

Louisendorf, Palzdorf, Neulouisendorf

Ihr Ziel war das gelobte Land Pennsylvania in Amerika. Doch bis in die neue Heimat vorzudringen gelang den Siedlern aus den kurpfälzischen Oberämtern Kreuznach und Simmern, die der schlechten wirtschaftlichen Situation, der religiösen Benachteiligung und kriegerischen Auseinandersetzungen entgehen wollte, nicht.

Eine größere Siedlergruppe strandete im Mai 1741 in Schenkenschanz, ohne auch nur eine Welle des großen Teiches, über den sie per Schiff nach Amerika reisen wollten, gesehen zu haben. Niederländische Grenzposten verweigerten die Einreise, weil die Siedler keine Passage vorlegen konnten. Da die Siedler keine Chance hatten, nach Pennsylvania zu kommen, nutzten sie das Angebot der Stadt Goch, in der Gocher Heide ein zehntausend Morgen großes Gebiet zu besiedeln. Zwanzig Familien mit etwa 120 Personen verzichteten auf die Emigration und ließen sich in der Gocher Heide nieder. Das Gebiet nannten sie ab 1749 Pfalzdorf, obwohl ihre Herkunft nichts mit der heutigen Pfalz zu tun hat. Aber sie bezeichneten sich selbst als Pfälzer und ihre Sprache als „Pälzersch“, die sich von den Dialekten der Pfalz grundlegend unterscheidet.

Bis auf den heutigen Tag haben die Pfälzer in Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf ihre kulturelle Eigenständigkeit erhalten, pflegen heimatliches (kurpfälzisches) Brauchtum, sprechen die Mundart und leben im protestantischen Glauben. Die Zugereisten vermischten sich nicht mit den katholischen Einheimischen, vielmehr blieben sie wegen ihres protestantisch ausgerichteten Glaubens unter sich. Zunächst hielt die Zuwanderung aus dem Hunsrück bis 1771 an, immer neue Migranten setzten sich in Pfalzdorf fest, bis Grund und Boden der Gocher Heide vollständig an die Fremden vergeben waren. Da Pfalzdorf plötzlich aus allen Nähten platzte, bot es sich an, die dem Königshaus gehörende waldreiche Umgebung als erweitertes Siedlungsgebiet zu nutzen. Pfarrer Johann Friedrich Neuhaus und Landrat von der Mosel unterstützten Forstrat Zimmermann, der die Regierung in Berlin bat, „den größtenteils verödeten Calcarer Wald, den so genannten Eichenwald“, den pfälzischen Siedlern zu überlassen.

Die von König Friedrich Wilhelm III. am 30. September 1820 erlassene Königliche Kabinettsorder erlaubte den Nachkommen der Pfalzdorfer Siedler, im Staatsforst Eichenwald unweit von Schloss Moyland eine zweite Ansiedlung zu gründen: Louisendorf, benannt nach der sehr beliebten Preußenkönigin Luise, die 1810 gestorben war. Landschaftsplanerisch weist Louisendorf eine seltene Besonderheit auf: Vier Hauptwege führen auf einen zentralen Platz, der aus der Vogelperspektive gesehen als Quadrat und als Rhombus erscheint. Hier, auf dem erhöht liegenden Louisenplatz, bauten die Pfälzer 1861 ihre von 34 Linden, dem Lieblingsbaum von Luise, umsäumte Kirche, die nach Königin Elisabeth von Preußen benannt wurde. Zum Ende der Aufbauphase der Louisendorfer Siedlung, etwa 1840, lebten dort 826 Einwohner: 708 evangelische, 121 katholische.

Aber schon nach kurzer Zeit expandierte auch Louisendorf so stark, dass die Verteilung von Grund und Boden an ihre natürlichen Grenzen stieß. Umfangreiche Rodungsarbeiten in den Jahren 1828/29 gaben dem Waldgebiet ein neues Gesicht. Großzügig erlaubte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Zugewanderten, ein weiteres Dorf, nämlich Neulouisendorf, zu errichten. Die ersten drei Häuser von Friedrich Reiß, Heinrich Lauf und Theodor Prust entstanden 1833. Ende 1840 lebten bereits 298 Menschen in dem neuen Dorf, das allerdings keine expandierende Zukunft vor sich hatte. Wegen des „Misswuchses der Kartoffeln“ beantragten die Kolonisten, die eigentlich fällige Erbpacht, die für zehn „Freijahre nach Verloosung der Colonie“ ausgesetzt war, vorläufig nicht zu erheben. Das wurde abgelehnt.

Seit dem der „Pfälzerbund am Niederrhein“ 1955 die Traditionspflege der Siedlernachkommen in die Hand nahm und der Louisendorfer Heimatforscher Jakob Imig ein bemerkenswertes Archiv aufbaute, bereichert ein breitgefächertes kulturelles Angebot das dörfliche Leben. Am Niederrhein verankerte katholische Bräuche wie das Sternsingen am Dreikönigstag oder die Eigentümlichkeiten des Karnevals übernahmen die Pfälzer nicht. In Pfalzdorf, einem Teil der „Pfälzischen Sprachinsel am Niederrhein“, sammelt das Heimatarchiv unter dem Dach des Heimat- und Verschönerungsvereins alte Fotos, Postkarten, Baupläne, Katasterzeichnungen, Totenzettel und Zeitungsartikel, eine Pfälzer Tanzgruppe pflegt und hegt die alten Tänze, die bereits in den Heimatgemeinden zum kulturellen Alltag zählten.

Klaus Hübner