Niederrheinisches Freilichtmuseum
05.03.2017 – 05.06.2017

Vom Wandern, Laufen und Marschieren

Hubert Houben (links), Finale im 100-Meter-Lauf, Olympiade Amsterdam 1928 / c) Wikimedia Commons

Tag der Eröffnung: https://youtu.be/4vuVqCXEnHw

Niederrheinische Ge(h)schichten

Was macht den Menschen zum Menschen? Bis ins 20. Jahrhundert galt für viele Wissenschaftler der aufrechte Gang als eine Art Startschuss für die Entwicklung des Menschen. Erst der Übergang aus der hangelnden und kletternden Fortbewegung der frühen Vorfahren des Homo sapiens hin zur Fortbewegung auf zwei Beinen habe den regelmäßigen Einsatz von Werkzeugen mit den nun freien Händen möglich gemacht.

Das Hantieren mit den Dingen habe – so war die Annahme – eine höhere Intelligenz erfordert und damit das Wachstum des Gehirns vorangetrieben. Neuere Theorien zählen den aufrechten Gang dagegen zwar zu einem wichtigen, aber eben nur zu einem von mehreren Faktoren für die Evolution des Menschen: Das ausdauernde Gehen und Laufen auf zwei Beinen habe unseren Vorfahren vor allem die Beschaffung und den Transport energiereicher Nahrung in einem großen Gebiet sowie die Besiedelung neuer Lebensräume ermöglicht.

Immer noch gilt der aufrechte Gang als eines der wichtigsten Kennzeichen, das den Menschen von anderen Spezies unterscheidet und ihm den – vielleicht entscheidenden – Wettbewerbsvorteil in der Evolution verschafft hat. Mittlerweile spielt das Gehen für die meisten Menschen jedoch keine lebensnotwendige Rolle mehr. Dafür hat es im Laufe der Zeit eine immer größere kulturelle Bedeutung erlangt. Inzwischen haben sich viele unterschiedliche Formen des Gehens entwickelt. Wichtig ist nicht mehr nur, ob, wie und wohin jemand geht, sondern auch warum er das tut: Der religiöse Mensch pilgert, der Soldat marschiert und der Erholungssuchende wandert. Gehen ist längst mehr als eine Möglichkeit, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen oder Nahrungsmittel zu sammeln. Heute ist es vor allem Ausdruck kultureller Praktiken. Es ist geprägt durch Traditionen, ist Bestandteil von Bräuchen, Teil des Freizeitlebens, Mittel zur Stärkung sozialer Beziehungen, dient zur Disziplinierung und kann – wie Protestzüge oder Demonstrationen zeigen – sogar Ausdruck politischer Botschaften sein.

Die Kulturgeschichte des Gehens steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Vom Wandern, Laufen und Marschieren. Niederrheinische Ge(h)schichten“. Die Entstehung und die Besonderheiten unterschiedlicher Spielarten des Gehens werden anhand konkreter Beispiele vom Niederrhein vorgestellt. Dabei werden viele Bilder abgerufen, die heute zum kulturellen Gedächtnis der Region gehören, wie die Demonstranten, die in den 1970er Jahren zu Tausenden auf Protestmärschen ihrem Widerstand gegen die Errichtung eines Kernkraftwerkes in Kalkar zu Fuß und deutlich sichtbar Ausdruck verliehen haben. Ebenfalls marschiert, jedoch aus ganz anderen Beweggründen, sind die Soldaten, die sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte am Niederrhein eingefunden haben – von den römischen Legionären in der Antike bis zur British Army im Zweiten Weltkrieg.

Aber es wird nicht nur marschiert am Niederrhein: Eher in sich gekehrt und besonnen bewegen sich seit Jahrhunderten die zahlreichen Fußpilger auf die kleinen und großen Wallfahrtsorte am Niederrhein zu, etwa zum Birgelener Pützchen in Wassenberg oder zur Gnadenkapelle in Kevelaer. Gemächlichen oder strammen Schrittes gehen hingegen die Wanderer, die jedes Jahr auf den neun Premium-Wanderwegen des Naturparks Schwalm-Nette an der deutsch-niederländischen Grenze unterwegs sind. Andere haben mit ihren Füßen (Sport-)Geschichte geschrieben: Die niederrheinischen Athleten Hubert Houben und Jürgen Hingsen verschrieben sich mit dem Laufen der schnellsten Variante des Gehens und das mit Erfolg. Beide gewannen bei den Olympischen Spielen Medaillen für Deutschland: Hubert Houben 1928 in Amsterdam als Sprinter und Jürgen Hingsen 1984 als Zehnkämpfer in Los Angeles.

Wer geht – egal wohin und warum –, muss seine Füße schützen. Deshalb finden sich in der Ausstellung auch Schuhe in allen Varianten. Und da am Niederrhein Schuhwerk vor allem aus Holz gefertigt wurde, steht auch das Holzschuhmacherhandwerk im Blickpunkt. Werkzeuge und Filme geben Einblick in die Arbeitsweise dieses traditionellen, aber heute nahezu ausgestorbenen Berufes. Aber noch sind Holzschuhe in der Region nicht ganz verschwunden. Der Blick auf den jährlichen Klompenball in Neukirchen-Vluyn zeigt, dass Schuhe viel mehr sind als nur Hilfsmittel zum Gehen und selbst zum Träger von Tradition und Brauch werden können.

Natürlich wurden am Niederrhein auch Schuhe aus Leder gefertigt. Besondere Bedeutung kommt dabei der Stadt Kleve zu, aus der die bekannte Kinderschuhmarke „Elefanten“ stammt. Gustav Hoffmann, der Inhaber der Firma, fertigte dort vor über 100 Jahren als erster Hersteller industriell Kinderschuhe, die sowohl an die Anatomie des linken als auch die des rechten Fußes angepasst waren. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals eine Innovation, die sicher vielen kleinen Füßen den Weg ins Leben erleichtert hat.

Wandern, Laufen und Marschieren: Am Niederrhein gibt es zahlreiche Geschichten, die von der ältesten Form menschlicher Fortbewegung erzählen. Das Niederrheinische Freilichtmuseum hat sie gesammelt und mit Hilfe von Berichten und Ausstellungsstücken aufbereitet, um sie seinen Besuchern auf anschauliche Art und Weise zu präsentieren – eine tatsächlich bewegende Präsentation.

Niederrheinisches Freilichtmuseum

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