23.06.2013 – 08.09.2013, 11:00 – 14:30 nur sonntags

Themenführung: In den Braukessel geschaut...

Gaststätte Terlinden in Alpen-Veen / © Haus der Veener Geschichte

Ab dem 23.06.2013 kann man sich im Haus der Veener Geschichte auf Spurensuche nach der bäuerlichen Bierbrauerei begeben. Am 23.6., 14.7. und 8.9.2012 wird um 11.00 Uhr die Themenführung „In den Braukessel geschaut...“ angeboten. Im Anschluss an die Führung kann in der historischen Gaststätte „Zur deutschen Flotte“ ein traditioneller sonntäglicher Frühschoppen eingenommen werden. Am 8.9.2012 wird zusätzlich die Saalhoffer Kapelle zur Besichtigung geöffnet sein. (von 13.30 bis 14.30 Uhr)

Eigentlich liegt der Schwerpunkt der Sammlung des Museums „Haus der Veener Geschichte“ zeitlich zwischen 1880 und 1950. Wenn man aber den Ursprüngen des Altbiers nachspüren will, muss man tiefer in die Geschichte eintauchen. Das Veener Pfarrarchiv liefert hierfür vielfältige Quellen. Ob Erbscheidungen, Leibzuchtverträge, Gerichtsverhandlungsprotokolle oder Armenrechnungen: Bier ist in Spätmittelalter und Frühneuzeit des kleinen Bauerndorfes allgegenwärtig.

Der Leser muss jedoch mit fremdartigen Ausdrücken rechnen. Der „kerbstock“ beispielsweise diente keineswegs der Selbstverteidigung. Mit seiner Hilfe wurde in der Gastwirtschaft angeschrieben: für jedes Bier eine Kerbe. Und eine „fane bier“ hatte auch nichts mit schlechtem Atem zu tun: Fane ist ein altes Hohlmaß, ungefähr der Inhalt eines Kruges.

„Den 2 July ahn Evert Porttmans betelt (bezahlt) vierthien fanen biers so Jennicken up gen haeck vur und nach in ihrer Kranckheit hefft laten halen vermugen syner quitungh, facit 1 dahler 26 stuber.“ Dieser kurze Auszug aus einer Armenrechnung des Jahres 1619 deutet schon an, dass das Bier früher einen anderen Stellenwert hatte als heute. Der Verwalter des Armenvermögens zahlte ganz selbstverständlich diese Rechnung und auch viele weitere „kerbstöcke“ der Armen beim Wirt in Winnenthal. Denn Bier war ein wertvolles und wichtiges Lebensmittel, das zusätzliche Kalorien lieferte. Mitunter galt es sogar als Heilmittel, so steht in einem Kräuterbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts: „Aber man findet kein Wasser, das für kranke Leute besser sei als Gerstenwasser, denn es ... bringt die verlorene Kraft wieder zurück und verstärkt sie.“

Die Menschen auf dem Land waren Selbstversorger, auch in Sachen Bier. Jennicken holte ihr Bier beim Wirt, weil sie zu gebrechlich war, um selbst zu brauen. Wer aber zwei gesunde Arme und die nötigen Utensilien hatte, der braute sein Bier selber. Dazu war im Bauernhaus ein besonderer Raum eingerichtet, die „Sudtz“ oder das „browhuis“. Dieser Raum lag neben dem zentralen Herdraum und konnte gleichzeitig als Spülküche und Milchkammer dienen. Durch die, in zwei detaillierten Inventarverzeichnissen eines Birtener Schifferhauses von 1577 und einer Veener Katstelle von 1586 aufgelisteten, Gegenstände werden diese Funktionen deutlich.

Wichtigster Gegenstand war der große Braukessel. Schon laut einer noch früheren Urkunde von 1461 befindet sich unter den Gerätschaften des Heiratsgutes, das Derick Roden seinem Sohn mitgibt, der größte „brouketel“ aus seinem Haushalt. Nicht jeder konnte sich ein solch wertvolles kupfernes Gerät leisten. Es gab aber auch die Möglichkeit, sich den Gildekessel des Armenverwalters auszuleihen. Die Gebühren kamen der Armenkasse zu Gute. Allerdings musste der Kessel auch oft genug zur Reparatur zum "Koperensleger“ nach Sonsbeck gebracht werden.

Die Rezepturen dieser frühen Brauerzeugnisse sind unbekannt. Fest steht, dass es sich um eine Art Altbier gehandelt haben muss. Dieses Bier nach „alter“ Brauart wurde mit obergärigen Hefen gebraut. Bei untergärigen Hefen wird eine Kühlung benötigt, die zu dieser Zeit nicht erreicht werden konnte. Es war die gleiche Hefe, die auch zum Brot backen benötigt wurde. Diese Hefe wurde in einem besonderen, wohl kupfernen Behälter, dem so genannten „Gexpott“ aufbewahrt.

Als Braugetreide kam in erster Linie Gerste infrage. Spätmittelalterliche Landwirtschaften waren nicht wie heute spezialisiert auf bestimmte Anbaufrüchte. Die meisten mittleren und größeren Höfe bauten alle bekannten Getreide an: Roggen, Weizen, Hafer, Gerste und Buchweizen. „Noch Jarlix 3 Malder rogs 2 Malder garsten to uolusten (um nach ihrem Wunsch) bier und broet darvan tho hebben“, liest man in einem Leibzuchtvertrag von 1585. Da aus Gerste kein Brot gebacken werden konnte, war es für das Bier brauen bestimmt.

Was jedoch in keinem Fall angebaut, gekauft oder genannt wird ist der Hopfen. Die archivalischen Quellen geben keinen Hinweis darauf, mit welchen Gewürzen oder Konservierungsmitteln der Brauer sein Bier versetzte.

Aus der Hansestadt Wesel ist bekannt, dass schon im 14. Jahrhundert der Hopfen die Grut als Zusatz abzulösen begann. Die Grut war ein Gemisch aus Gagel, einer Sumpfpflanze, und verschiedenen anderen Kräutern. Wer Bier für den Verkauf produzierte, musste die Grut kaufen und gleichzeitig eine Steuer bezahlen. Die in der Grut enthaltenen Kräuter waren jedoch gesundheitlich nicht ganz unbedenklich. Jedenfalls wurde in Wesel der Grutverkauf bereits 1432 eingestellt und das Hopfenbier auf andere Weise besteuert.

Archäobotanische Untersuchungen im Rheinland ergaben, dass Hopfen im Hochmittelalter nachweisbar ist, der Anbau aber wahrscheinlich erst ab dem 14. Jahrhundert stattfand. Die Nutzung des ebenfalls nachweisbaren Gagels bis ins 15. Jahrhundert scheint am ehesten durch Sammlung an Wildbeständen stattgefunden zu haben. Inwieweit dies noch für die bäuerliche Hausbrauerei in späterer Zeit galt, muss offen bleiben.

Die in den Inventarverzeichnissen aufgelisteten Gegenstände lassen vermuten, dass auch Tätigkeiten wie buttern und spülen in dem als „Sudtz“ bezeichneten Raum durchgeführt wurden. Es handelt sich um Arbeiten, die etwas mit Feuchtigkeit zu tun haben. So lässt sich auch der Name „Sudtz“ ableiten von mhd. „Sudd“ die Lache, im Rheinischen „Suddel“ oder „Sudder“ die Schmutzlache oder feuchte Stelle. Die Sudtz war also ein wichtiger Arbeitsraum im niederrheinischen Bauernhaus, der sich in einer Abseite rechts oder links vom zentral gelegenen Herdraum befand. Vergleicht man die Grundrisse dieser Häuser mit benachbarten Hausformen fällt auf, dass dort ein solcher Raum nicht zu finden ist. Vielleicht ein Hinweis auf den besonderen Stellenwert des Bieres in unserer Region?

Der Dreißigjährige Krieg beendete diese Zeiten des relativen Wohlstandes. Die wertvollen Kupfergeräte wurden schnell Opfer der Raubzüge marodierender Soldaten. Viele Äcker lagen brach, und es fehlte am nötigen Getreide.

Schaut man daher auf das 18. Jahrhundert, findet man Brauereien meist nur noch in Städten oder bei Wirtshäusern. Eine solche Hausbrauerei betrieb beispielsweise der Schmied Riddermann in Veen, der gleichzeitig auch Gastwirt war. Seine Brauerei war offenbar in einem frei stehenden Nebengebäude untergebracht. Ein Lageplan von ca. 1738 zeigt verschiedene Gebäude auf seinem Grundstück. Doch er ist nicht der einzige Wirt im Dorf. An dem zu dieser Zeit einzigen dichter besiedelten Straßenzug des Dorfes betrieben noch wenigstens sechs andere Häuser Ausschank. Vermutlich haben auch sie selbst gebrautes Bier verkauft, wenn auch über die Räumlichkeiten nichts Näheres gesagt werden kann. Es müssen sich jedoch auch Werkstätten von Handwerkern in den Häusern befunden haben. In den genannten Familien gab es z. B. Schuhmacher, Schneider oder Radmacher.

Außerdem betrieben die Familien natürlich auch weiterhin etwas Landwirtschaft. Auf den ersten Blick kann sich der Ausschank – vor allem bei der geringen Zahl an Dorfbewohnern – kaum gelohnt haben. Auf den zweiten Blick war es aber ein Geschäft, das ohne viel zusätzlichem Aufwand recht einträglich sein konnte. Das beweist beispielsweise eine von Peter Ridderman verfasste Rechnung aus den Jahren 1713/1714 für die Kirche. Er listet verschiedene Schmiedeerzeugnisse wie Eisenbänder, Anker, Bügel oder Riegel auf, die er zu Preisen zwischen 3 und 39 Stübern bei Reparaturaufträgen anbringt. Zwei Posten der Rechnung fallen jedoch auf: Der Verzehr der Schöffen an Bier und Wacholderwasser an Kirmes und Fronleichnam von 17 Stübern und der Junggesellen bzw. Schützen von 2 Tonnen Bier zu insgesamt 8 Talern.

Als Schankraum diente die „Gute Stube“ der Familie. Dieser Vorläufer unseres heutigen Wohnzimmers war mittlerweile in die meisten Häuser der Landbevölkerung eingezogen. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil die „Sudtz“ ihren hohen Stellenwert verloren hatte und als Waschküche in einen hinteren Bereich des Hauses gedrängt wurde.

Gut dokumentiert ist auch die Hausbrauerei des Hoogenhofs in Saalhoff, heute ein Ortsteil von Kamp-Lintfort. In einem Raum des Hofes befindet sich eine Kapelle, die heute von der St. Michael Schützenbruderschaft Saalhoff betreut wird. Dort befinden sich alte Fensterbierscheiben, die einmal zum Schankraum gehörten. Sie waren Geschenke von Gästen, die zur Einweihung des neuen Schankraumes 1724 eingeladen waren. Zahlreiche Bilder und Sprüche geben einen Einblick in Leben und Arbeit der Menschen und machen die Kapelle so zu einem einzigartigen Zeugnis der niederrheinischen Braukultur.

Im Jahre 1824 kaufte ausgerechnet der Pastor beim Nachfolger des Wirtes Riddermann, der nun auch einen Laden besaß, über 9 Pfund Hopfen. Dies ist der vorläufig letzte Hinweis auf Hausbrauerei in Veen. Auch die Zahl der Gastwirtschaften ging nach und nach zurück. In einem denkmalgeschützten Gründerzeithaus befindet sich heute die letzte Dorfgaststätte „Zur deutschen Flotte“. Das Gebäude wurde 1876 vom Urgroßvater des jetzigen Besitzers errichtet und befindet sich seitdem in Familienbesitz.

Annemarie Ricken